Berchtesgadener Alpen, Bergtour

Watzmannüberschreitung

So wie der Watzmann der König der Berchtesgadener Alpen ist, ist die Watzmannüberschreitung die Königin unter den Bergtouren dieses Gebiets. Vor meinem langen Aufenthalt in Berchtesgaden im Frühling und Sommer 2019 habe ich mir fest vorgenommen, auf die Watzmannüberschreitung hinzuarbeiten. Mitte Juli ist dieser Traum dann in Erfüllung gegangen. Hier der Bericht einer der größten und schönsten Bergtouren der deutschen Alpen.

Blick auf den Watzmann (2.713m) mit der Watzmannfrau (2.307m) und den sieben Watzmannkindern dazwischen von Berchtesgaden aus. Links im Hintergrund zeigt sich die Schönfeldspitze (2.653m).

Klassischerweise wird die Watzmannüberschreitung von der Wimbachbrücke (637m) aus unternommen. Von hier ist die Rundtour 24 Kilometer lang und überwindet ca. 2.400 Höhenmeter. Große Teile dieser Tour werden vom Alpenvereinsführer mit W5 (sehr schwierig) eingestuft wurden und sie enthält ungesicherte Kletterstellen bis zum UIAA-Schwierigkeitsgrad II. Nicht zu unterschätzen sind auch die großen konditionellen Anforderungen. Deshalb wird die Tour von etwas mehr als der Hälfte der Begehenden mit einer Übernachtung auf dem Watzmannhaus (1.930m) verbunden und so in zwei Tagen begangen.

Am zweiten Tag steht dann der Aufstieg zum Hocheck (2.651m) an, von wo aus die etwa zwei bis dreistündige Überschreitung über die Mittelspitze (2.713m) zur Südspitze (2.712m) beginnt. Der Grat enthält viele Kletterstellen und ist stellenweise mit Drahtseilen versehen, jedoch nicht als Klettersteig zu verstehen. Etwa die Hälfte der Bergsteiger nutzt ein Klettersteigset; ich hatte keines und würde auch eher abraten. Die große Ausgesetztheit und damit verbundene psychische Belastung ist größer als die technische Schwierigkeit, weshalb absolute Schwindelfreiheit und Trittsicherheit erforderlich sind. Besonders während des langen Abstiegs von der Südspitze zur Wimbachgrieshütte (1.326m) ist dann die Verletzungsgefahr hoch, bedingt durch Erschöpfung und eine stellenweise sehr hohe Steinschlaggefahr. Die Mitnahme eines Helms ist anzuraten. Von der Hütte aus ist der Rückweg durch das Tal sanft abfallend und sehr leicht, wenngleich nach vorherigen Anstrengungen auch sehr lang.

Seitlicher Blick auf den Watzmann von der Schärtenspitze (2.153m) mit Hocheck, Mittelspitze und Südspitze (v.l.n.r.).

Die hier präsentierte Tour weicht von der klassischen Route insofern ab, als dass der Aufstieg zum Watzmannhaus von der Halbinsel St. Bartholomä (603m) aus über den Rinnkendlsteig, die Kührointalm (1.420) und den Falzsteig erfolgt. Auf diese Weise wird ein deutlich schönerer Steig begangen sowie mit einer Fähre über den berühmten Königssee gefahren. Besonders dann empfehle ich diese Route, wenn die Watzmannüberschreitung für zwei Tage geplant und nicht sowieso ein Besuch von St. Bartholomä angedacht ist.

Selbst habe ich die Überschreitung unter der Woche in der Vorsaison sowie mit Übernachtung in einer kleinen Biwakschachtel auf dem Hocheck unternommen. Während die Erfahrung einmalig war, sollte in den meisten Fällen stattdessen auf dem Watzmannhaus übernachtet werden. Das steigert den Komfort wesentlich, spart Gepäck und ist vor allem sicherer. Denn die Biwakschachtel bietet Platz für lediglich vier Personen, verfügt über keine Ausstattung mit Betten oder Decken und ist als Notunterkunft konzipiert. Kommen spät abends noch Kletterer aus der Watzmann-Ostwand hier an, muss u.U. der lange Abstieg zurück zum Watzmannhaus erfolgen. Während der Saison oder an Wochenenden sollte hier also keineswegs übernachtet werden.

Meine Packliste für die Überschreitung mit Übernachtung auf dem Hocheck. Bei den recht frischen Temperaturen habe ich nicht zu viel Kleidung dabei gehabt. Am Essen kann gespart werden, wenn öfter in Hütten eingekehrt wird. Durch die empfohlene Übernachtung auf dem Watzmannhaus kann das Gewicht mit Wegfallen von Schlafsack und Matte noch einmal deutlich verringert werden.

Es folgen Impressionen der Tour in Form schöner Bilder und kurzer Erläuterungen. Meine Strecke der Watzmannüberschreitung über den Rinkindlsteig mit allen wichtigen Beschreibungen und Hinweisen findet Ihr hier auf alpenvereinaktiv.com. Trotzdem möchte ich auf die untenstehenden Sicherheitshinweise verweisen.

WICHTIG:
Bergsteigen und Wandern im Gebirge ist sehr erfüllend, aber stets mit Gefahren verbunden. Es ist zwingend erforderlich, sich vor einer Bergtour ausgiebig mit der Strecke, der Wettervorhersage, der Ausrüstung sowie der eigenen Kondition und dem eigenen Können auseinanderzusetzen. Zwar können Alpenvereinsführer, Hüttenwirte oder Tourenvorschläge wie ebendieser bei der Planung und Durchführung unterstützen, sie entbinden aber keinesfalls von der eigenen Verantwortung. Während der Tour muss auf die eigene Erschöpfung, eventuelle Wetterumschwünge sowie den Wegezustand geachtet werden. Es bleibt dennoch stets ein Restrisiko.

Blick aus einer der ersten morgendlichen Fähren über den Königssee. In der Ferne ist die Halbinsel St. Bartholomä zu erkennen. Während der dreißigminütigen Überfahrt bekommen die Passagiere auch das berühmte Trompetenecho vom Königssee zu hören.
Blick auf die Watzmann-Ostwand mit der Wallfahrtskirche St. Bartholomä auf der gleichnamigen Halbinsel im Vordergrund.
Blick zurück auf St. Bartholomä mit dem Funtenseetauern (2.578m) im Hintergrund.
Unerwarteter Besuch, der sich wohl sehr über Salze freuen konnte.
Im unteren Teil führt der Rinnkendlsteig durch jungen Wald und Lawinenfreiflächen, weiter oben wird er zu einem mit Drahtseilen versicherten anspruchsvollen Steig.
Ein etwa fünfminütiger Abstecher nach Ende des Rinnkendlsteigs bietet atemberaubende Blicke auf den Königssee. Gut erkennbar ist, dass es sich bei der Halbinsel St. Bartholomä um den Schwemmfächer des Eisbaches handelt, der Gestein von der Watzmannostwand in den Königssee schwemmt. Von der beliebten Archenkanzel aus können (v.r.n.l.) Schönfeldspitze, Funtenseetauern und sogar der Hochkönig (2.941m) bestaunt werden.
Von der Archenkanzel führt der Weg etwa zwanzig Minuten lang relativ eben zur Kührointalm. Hier ist die Almfläche Ende April noch von hohem Schnee bedeckt.
Die Kührointalm eignet sich hervorragend für eine Einkehr. Nicht nur weil man auf 1.420m etwa zwei Drittel der Strecke und Höhenmeter zum Watzmannhaus hinter sich gebracht hat, sondern auch weil die Spinat- und Kaspressknödel hier einfach genial sind.
Von der Kührointalm gelangt man über den Falzsteig schnell zur Falzalm, die unbewirtschaftet letzte Alm unterhalb des Watzmannhauses ist. Von hier hat man einen genialen Blick ins Watzmannkar mit den Watzmannkindern.
Der Aufstieg zum Watzmannhaus ist technisch nicht sehr anspruchsvoll. Hier ist fast der Sattel erreicht, der zwischen dem Watzmann und der kleinen Erhebung liegt, auf der das Watzmannhaus steht.
Auf 1.930m Höhe hat das Watzmannhaus eine außergewöhnliche Lage mit grandiosen (fast) Rundumblicken. Obwohl das Watzmannhaus etwa 200 Betten und Bettenlager bietet ist es in der Hauptsaison oft frühzeitig ausgebucht. Daher am besten vorher einen Platz buchen, junge DAV-Mitgleider bis 25 bekommen für 10€ einen Platz im Lager.
Die 750 Meter Aufstieg ab dem Watzmannhaus sind technisch einfach und nicht ausgesetzt, aber können sich sehr ziehen. Hier sieht man noch nicht das Hocheck.
Blick in Richtung des Hochkalter-Massivs mit der dahinter liegenden Reiteralp. Im Tal liegt Ramsau bei Berchtesgaden.
Blick auf das Hocheck. Halt, das ist noch nicht das Hocheck, auch wenn wir uns langsam dem Gipfel nähern.
Bedrohlich wie Mordor selbst liegt das Steinerne Meer dar. Das Gewitter zog eindeutig nicht in unsere Richtung, andernfalls wäre es sehr unangenehm geworden.
Kurz unterhalb des Hochecks (2.651m) treffen wir auf eine junge Steingeiß mit Kitz. Wir halten uns absichtlich nah an der Steilwand, damit die Tiere ohne Stress in Richtung Platte ausweichen können.
Als wir direkt unter dem Hocheck angekommen sind bricht noch einmal der Himmel auf und ein Abendsonnenstrahl erleuchtet die Schönfeldspitze (2.653m), den eindeutig schönsten Berg des Steinernen Meeres.
Auf dem Hocheck findet man eine Biwakschachtel, die notfalls etwa vier Personen Schutz bietet.
Der Sonnenuntergang auf dem Hocheck ist magisch, wenn auch verdammt kalt. In dieser Höhe braucht man einen warmen Winterschlafsack, auch wenn tagsüber T-Shirt-Wetter herrscht. Links liegt der Hochkalter (2.610m).w
Gegen 5:30Uhr geht dann auf der anderen Seite des Berges, gleich nebem dem Hohen Göll (2.522m), die Sonne wieder auf.
Die ersten Sonnenstrahlen färben den Hochkalter in ein traumhaftes, rotes Licht. Unten liegt das Wimbachtal, durch das später der lange Rückweg erfolgt.
Eine Alpendohle ist bereits mit uns aufgestanden.
Ein Blick zurück in Richtung Watzmannhaus offenbart, dass bereits die ersten Gruppen vom Watzmannhaus kurz unterhalb des Hocheck-Gipfels angekommen sind.
Am Hocheck beginnt die anspruchsvolle Überschreitung des Watzmanngrates. Hier ist sie durch ein Stahlseil gesichert, aber viele ähnlich ausgesetzte Stellen sind ohne Stahlseil zu meistern.
Blick in Richtung der Watzmann-Mittelspitze, dem mit 2.713 Metern höchsten Punkt des Berges.
Auf der Mittelspitze angekommen ist das längste und schwerste Stück des Grates noch vor uns, der Weg zur Südspitze (2.712) des Watzmanns.

Sven (links) und ich auf der Mittelspitze angekommen. Der Watzmann ist zweithöchster Berg Deutschlands und höchster, der komplett in Deutschland liegt. Um diese frühe Stunde sind wir zum Glück noch fast ungestört; drei Salzburger Bergsteiger, die wir hier trafen, waren so freundlich uns zu fotografieren.

Da ich auf der Südspitze keine Fotos gemacht habe, sondern stattdessen die tolle Aussicht ganz ohne Kamera genossen, hier ein Blick von der Mittelspitze ins Steinerne Meer. Zwischen der Südspitze auf der rechten Seite und der Schönfeldspitze zeigen sich am Horizont die Schneekappen der Hohen Tauern mit dem Großglockner (3.798m). Links neben der Schönfeldspitze liegt das eher unscheinbare Selbhorn (2.655m), höchster Gipfel des Steinernen Meers.
Auf dem Weg zur Südspitze verliert man noch einmal etwa 300 Höhenmeter, die man fast komplett wieder aufsteigen muss. Auch erinnern mehrfach Gedenktafeln an verunglückte Bergsteiger. Jährlich gibt es dutzende Unfälle am Watzmann, nicht selten tödlich.
Blick zurück auf die Mittelspitze. An dieser Engstelle muss gut auf den Rucksack geachtet werden, nicht selten bleibt man oben hängen.
Als wir gegen 7:00 Uhr um eine scharfe Ecke auf dem Grat biegen, springt etwa zwei Meter vor uns ein Steinbock zur Seite. Anschließend ließ er sich gelassen vor den Silhouetten der Gotzenalm und des Hagengebirges ablichten.
Kurz vor der Südspitze liegt ein längeres ausgesetztes und ungesichertes Stück Weg.
Der südlichste der drei Watzmanngipfel ist eindeutig der beste Aussichtsgipfel. Daher haben wir hier fast 90 Minuten Frühstückspause eingelegt und das Panorama ganz für uns genossen. Hier der Blick in Richtung Osten mit dem Königssee, der Halbinsel St. Bartholomä und dem Obersee hinter der Saletalm.
An der Südspitze beginnt dann der lange Abstieg in das Wimbachtal mit seinen einzigartigen Schuttbändern.

Der erste Abschnitt des Abstiegs zählt zu den steilsten Stellen und ist am stärksten steinschlaggefährdet, besonders, wenn noch weitere Bergsteiger unterwegs sind.

Ein paar hundert Höhenmeter können rasch auf weichen Kiesfeldern zurückgelegt werden, meistens bewegt man sich jedoch über eine dünne und rutschige Schicht Kies auf glattem Dachsteinkalk. Der markante Berg ist der Große Hundstod (2.594m), rechts liegt der Gebirgsstock der Leoganger Steinberge. Am Horizont sind wieder die Hohen Tauern zu sehen, diesmal mit dem Großvenediger (3.657m).
Etwa nach der Hälfte des Abstiegs werden flachere Wiesen, ehemalige Almflächen, auf denen heute viele Gämse zu finden sind, passiert. Hier gibt es an einigen Stellen die Möglichkeit, Trinkwasser aufzufüllen.

Steinformation im unteren Bereich des Abstiegs.

Der letzte Abschnitt des Abstiegs führt durch Latschenkiefern, Lärchen und die seltenen Zirben, die es in Deutschland nur im Nationalpark Berchtesgaden gibt. Das Wimbachtal erinnert in diesem Gebiet an die Gebirge im Westen Kanadas.
Nach etwa 1.300 Metern steilem Abstieg wird mit den Schuttbändern des Wimbachtals der letzte und technisch einfache Teil der Tour erreicht, der lange Rückweg durch das Wimbachtal.
Erst auf schönen Pfaden, später auf etwas breiteren Wegen führt der Weg stetig bergab.
Als erste Hütte wird nach kurzem Weg die Wimbachgrieshütte (1.326m) erreicht. Es kann hier eingekehrt und sogar übernachtet werden; ein Radler hat man sich an dieser Stelle allemal verdient. Danach beginnt der etwa sieben Kilometer lange Talhatscher zur Wimbachbrücke.
Kurz bevor der Parkplatz Wimbachbrücke mit Nationalpark-Informationsstelle, Toiletten sowie einer stündlich in Richtung Ramsau und Berchtesgaden verkehrenden Buslinie erreicht wird, passiert man die Wimbachklamm. Für die lohnenswerte Schlucht muss jedoch eine kleine Schleife in Kauf genommen werden, was nach dieser gewaltigen Tour zu viel des Guten sein kann. In jedem Fall endet hier die berühmte und wunderschöne Watzmannüberschreitung.

Die Watzmannüberschreitung mit Übernachtung auf dem Hocheck habe ich vom 18.07.-19.07.2019 mit meinem guten Freund Sven unternommen. Einzelne Abschnitte der Tour wurden zwischen Mai und September 2019 mehrfach begangen, daher stammen nicht alle Bilder von diesen Tagen.

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